Kommt da ein neues Bauprojekt?

Bernd Kröger / stock.adobe.com

Vor wenigen Wochen waren wir für neun Tage auf der Müritzer Seenplatte. Das war insgesamt sehr schön, wir haben alle sieben oberen Seen – Plauer See, Petersdorfer See, Malchower See, Fleesensee, Jabelscher See, Kölpinsee und fast die ganze Müritz – bewandert. Aber wir sind eher wenig gesegelt, weil wir vom Mastlegen ziemlich genervt waren. Wir haben zwar eine Jüteinrichtung, die das Legen und Stellen sehr erleichtert. Aber es dauert dennoch einige Zeit, unter anderem, weil die vielen Drahtseile (es sind insgesamt neun) sorgsam gewickelt und befestigt werden müssen, sonst leiden Sicherheit und Übersicht an Bord und das erneute Maststellen könnte sich zum Chaos entwickeln. Wenn man das an einem Tag mehrfach machen muss, leidet der Spaß darunter sehr und man überlegt sich, ob man sich die Prozedur für jede Teilstrecke antun muss. Das führt dazu, dass einem manche Segelstrecke entgeht und über längere Strecken motort wird. Und selbst das ist keine Freude: Beim Sitzen im Cockpit liegen Mast und Drahtrollen in Kopfhöhe. Wenn man für eine bessere Sicht aufstehen, Fender ausbringen und im Hafen manövrieren muss, muss man sich durch Mast, Salinge und Drahtschlingen schlängeln. Alles eher unlustig. Die Vorstellung, demnächst die Elde zu befahren oder über friesische Kanäle mit ihren vielen Brücken, schränkt die Vorfreude ein.

Wenn man es nicht anders kennt, arrangiert man sich. Aber ich kenne es anders. Mein Pocketship hatte ein modernes, simples Gaffelrigg. Das Mastlegen und -stellen war eine Sache von wenigen Minuten, das Ende der Vorstagleine hat man zweimal um das Ensemble von Baum, Mast, Gaffel und den nur zwei Wanten gewickelt. Thema erledigt. Da liegt der Gedanke eines einfachen Gaffelriggs nahe. Aber etliche Segelfreunde raten ab: aus optischen Gründen, mangelnder Performance, angeblich umständlicher Bedienung, Verlust von Höhe beim Kreuzen.

Vor einer so grundlegenden Entscheidung muss man also die Vor- und Nachteile analysieren und insbesondere, welcher Wassersporttyp man ist. Gehen wir erst einmal das Letztere an: Wir sind Späteinsteiger und Kaffeesegler, Segeln kennen wir nicht „von der Pike auf“. Wir sind aber auch keine Motorbootfahrer, das wäre uns zu langweilig. Und wir sind Mitte sechzig, da sollte man auch die nächsten zehn, fünfzehn Jahre schon streng im Blick haben. Wir wollen nicht schnell segeln, nicht das Letzte aus dem Boot herausholen und auch nicht auf dem immer gleichen See Bahnen ziehen. Wir wollen Wasserwandern, Natur genießen, Hafenstädtchen ansehen. Dazu müssen wir Strecke machen können, und das bequem und umweltfreundlich. Als Maschinenantrieb kommt nur Elektro mit der eingeschränkten Reichweite infrage, daher muss das Segel die Reichweite deutlich erhöhen. Bequemlichkeit geht vor Leistung, Reichweite vor Schnelligkeit. Und wenn wir mit dem Hochrigg schnell wären, verlieren wir jeden Zeitgewinn mit umständlichem und häufigem Mastlegen. Das muss sozusagen in der Anfahrt auf das Hindernis geschehen, ohne Stopp am Takelplatz, Ankern oder Treiben.

Werfen wir einen Blick auf die Vor- und Nachteile der beiden Riggs – und die Vorurteile:

Beschreibung

Hochsegel

Gaffelsegel

Optische Gründe

Standard, sieht „gewohnt“ aus

Es gibt wenige Beispiele von gaffelgetakelten Jollenkreuzern. Was ich bisher gesehen habe, sieht sehr stimmig aus.

Performance

Der Greif ist damit unter den Jollenkreuzern zwar der langsamste, aber insgesamt im Vergleich mit anderen Typen gleicher Größe schon recht zügig unterwegs.

Der direkte Vergleich fehlt mir. Zum Pocketship kann ich nur sagen, dass das kleine Boot mit der Gaffel recht sportlich unterwegs war. Uns kommt es aber darauf nicht an.

Bedienbarkeit

Das Hochrigg gilt als einfacher zu bedienen, weshalb es, so die Legende, durchgesetzt haben soll. Die verschiedenen Trimmmöglichkeiten habe ich kaum benutzt und würde auch behaupten, dass die meisten Kaffeesegler sie nicht kennen.

Auch hier muss ich relativieren und gleichzeitig darauf hinweisen, dass mir eine Menge Erfahrung fehlt. Ich kenne auch nur das simple Kleinkreuzersystems des Pocketships. An das Piekfall gewöhnt man sich schnell, ansonsten macht man mit der Gaffel ziemlich viel aus dem Gefühl.

Verlust von Höhe

Zweifellos besser. Allerdings spielt es für uns keine Rolle. Der Zeitverlust ist überschaubar. Auf Flüssen und schmalen Verbindungen ist das Kreuzen ohnehin kaum möglich und teilweise nicht erlaubt. Da wird motort.

Mir fehlt der Vergleich. Mit dem Pocketship konnte man recht gut kreuzen, sogar auf schmalen Flüssen. Aber es ist auch ein kleines und sehr leichtes Boot.

Mastlegen

Trotz Jüteinrichtung zeitaufwendig. Man muss immer so um die 15 Minuten rechnen incl. sauberer Ordnung an Bord. Selbst wenn man den Mast nur neigt, bleiben es doch 10 Minuten pro Vorgang.

Wenige Minuten, und wenn die Vorstagleine ins Cockpit umgelegt wird, kann das eine Person beim Anfahren des Hindernisses nebenbei machen. Sofern man nicht viel Platz zum Treiben hat oder nicht anlegt, werden zwei Personen benötigt.

Masthöhe

Der Jollenkreuzer hat eine Masthöhe von 8,60 m über der Wasserlinie. Nicht nur viele Brücken, sondern auch Hochspannungsleitungen oder auf engen Gewässern überhängende Äste sind häufige  Anlässe zum Mastlegen.

Bei einem Umbau wäre die Masthöhe voraussichtlich 6,70 m über der Wasserlinie – also fast zwei Meter weniger als bei der klassischen Besegelung. Etliche Anlässe zum Mastlegen fallen dabei ganz weg oder der Mast braucht nur genickt zu werden.

Segel bergen

Unser Großsegel muss von Hand geborgen werden. Es läuft mit einer Vorliekleine und das Setzen und Niederholen braucht ein bisschen Zeit. Man könnte natürlich auf Gleiter umstellen, dann ginge es etwas leichter, aber nicht entscheidend schneller.

Beim Rigg des Pocketships fällt das Segel von alleine und kann unmittelbar aus dem Cockpit ohne Einfädeln gesetzt werden.

Es spricht so vieles für eine Gaffel, dass man sich fragt, woher die Vorurteile kommen. Vielleicht liegt es einfach auch daran, dass in den meisten Teilen Deutschlands ein Boot mit Gaffelrigg selten ist und nicht in der Wahrnehmung ist. In anderen Ländern, etwa den Niederlanden und Großbritannien, soll das ganz anders sein.

Mir scheint, dass bei unserer Nutzung die Vorteile des Gaffelsegels weit überwiegen und die wenigen Nachteile für uns keine Rolle spielen. Jetzt muss es an die technische Planung gehen, besonders die passende Größe, der Schnitt und die Druckpunkte sind entscheidend. Der Bau selbst ist unproblematisch; das habe ich schon einmal gemacht, dieses Mal wird es vermutlich nur ein wenig größer werden müssen.

Vielleicht finden sich hier noch andere, die vor der gleichen Frage stehen, oder Leute, die ihr Boot aus ähnlichen Erwägungen bereits mit einem Gaffelrigg fahren. Ich bin für jeden Gedanken und zielführenden Hinweis dankbar.

So ungefähr könnte es aussehen
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