Im vorherigen Beitrag hatte ich euch und mir die Frage gestellt, ob es für mich sinnvoll ist, meinen Jollenkreuzer Greif 650 auf ein Gaffelsegel umzurüsten. Es gab und gibt eine Menge Gründe dafür und wenige dagegen, jedenfalls aus meiner Sicht. In Mails und Forenbeiträgen wurde das gemischt gesehen. Nach einigen vorbereitenden Überlegungen habe ich mich mit KI der Frage genähert und nach Abwägung aller Argumente, Fragen und Recherche ging es heute an Pläne. Ich muss hinzufügen, dass ich beruflich sehr viel mit KI arbeite und die Möglichkeiten, Grenzen und Tücken relativ gut kenne. Und ich setze mich auch nicht hin und frage: „Hey KI, mach mal!“ Man sollte komplexe Themen mit KI nur bearbeiten, wenn man sie versteht, um fehlerhafte Antworten zu erkennen und die richtigen Fragen stellen und Hinweise geben zu können.
Den heutigen Tag habe ich damit verbracht, den Greif mit einer Original-Takelage maßstabsgerecht zu vektorisieren, also mit Pfaden zu zeichnen. Im nächsten Schritt habe ich das mir bekannte Gaffelrigg des Pocketship ebenfalls digitalisiert und in einem zweiten Entwurf gegen das des Greif auszutauschen. So sind insgesamt sieben Pläne entstanden, die die KI mir jeweils gerechnet und bewertet hat. Nachfolgend möchte ich euch das vorläufige und vielleicht endgültige Ergebnis vorstellen.
Rein optisch finde ich das Ergebnis schon ansprechend und technisch könnte es auch funktionieren. Die Einschränkung deshalb, weil alle Werte statisch sind, während Bootfahren und insbesondere Segeln ein sehr dynamischer Vorgang ist, bei dem sich die Parameter laufend verändern.
Zuerst wurden die Parameter des Greifs, der ausgezeichnet und trotz seiner Breite und seines hohen Aufbaus recht flott und sicher segelt, als Vorgabe ermittelt, also die (geografischen) Druckpunkte der Segel und der ebenso geografische wie theoretische Gesamtdruckpunkt. Bei den nächsten Entwürfen ging es darum, diesen als Ideal angenommenen Werten möglichst nahe zu kommen. Dabei mussten mehrere Voraussetzungen eingehalten werden:
- Der Mast sollte deutlich kürzer werden.
- Der bestehende Fockroller sollte weiterbenutzt werden können, ein Bugspriet war also ausgeschlossen.
- Es musste der gleiche Mastfuß verwendet werden.
- Es sollte deutlich weniger Wanten und Stage geben.
- Vorsegel und Großsegel sollen komplett aus dem Cockpit bedienbar sein.
- Der Mast muss schnell und einfach von einer Person gelegt und gestellt werden können.
Ich glaube, die Anforderungen sind erfüllt. Der Mast ist mehr als zwei Meter kürzer. Wir haben auf unseren Revieren wiederholt Oberleitungen mit einer Durchfahrhöhe von 7,50 m. Ein Mastlegen ist hier nun nicht mehr nötig, der Masttop befindet sich rund 6,50 m über der Wasserlinie, ggf. muss man die Gaffel kurz absenken. Der Mast soll zudem ein Holzmast sein und lässt sich bei dieser Länge recht einfach selbst bauen. Ob er sich leicht legen lässt, das muss natürlich die Praxis zeigen. Da sich der gesamte Aufbau bis auf etwas mehr Höhe nicht stark vom Pocketship unterscheidet und das dort genial funktionierte, habe ich auch hier keine Bedenken.
Interessant finde ich, dass es nach längerem Probieren gelungen ist, dass die neuen Druckpunkte (rote Kreise) nah an denen des alten Riggs (graue Kreise) sind. Sie liegen in der Summe nahezu perfekt auf der Senkrechten und niedriger in der Waagerechten. Das lässt darauf hoffen, dass die Segel gut zum Drehpunkt des Bootes passen und zudem das Boot leicht luvgierig bleibt. Letztlich wird es die Praxis zeigen, aber die gefundenen Werte lassen zumindest darauf hoffen
Die Segel sind bewusst in der Breite groß bemessen, so dass die Werte gerade noch passen. Sollte die Praxis Anpassungen bedingen, kann dies durch Kürzungen am jeweiligen Achterliek geschehen, ohne dass es ein neues Segelprofil geben muss. Mit anderen Worten wird einfach ein schmaler Streifen am Achterliek abgeschnitten. So der Plan B.
Statt vorher sechs Wanten wird es wahrscheinlich nur zwei geben, notfalls vier, und auch zwei Stage weniger. Die vorhandene Jüteinrichtung ist bei einer Gaffelschuhkonstruktion ebenfalls unnötig. Um also die Eingangsfrage zu beantworten: Wenn ich die Zeit finde, wird dies wohl mein Winterprojekt, das ich auf dieser Seite gerne beschreiben werde.
Falls ein Greif-Segler im nächsten Jahr ein komplettes und originales Rigg mit zwei brauchbaren Segeln, Mast, Baum, Jüteinrichtung und nagelneuen Wanten haben möchte, kann er sich schon mal anmelden.