Ziel verfehlt, Mission geglückt: Segeln auf schmalem Grat

Auch der dritte Versuch, mit Segel und Elektromotor auf der Aller nach Celle zu kommen, hat nicht zum Ziel geführt. Aber anders als bei den ersten beiden Versuchen sind wir zufrieden, wir haben freiwillig abgebrochen.

An den ersten beiden Tagen ging es noch, die gelegentlichen kleinen Schauer ließen sich mit Segelzeug gut aushalten. Das zunehmend schlechte Wetter des angekündigten „Jahrhundertsommers“ hat uns allerdings die Lust verhagelt und die niedrigen Wasserstände haben die Vernunft siegen lassen. Das Boot sollte heil bleiben. Was wir aber jetzt wissen: Wandersegeln auf der Aller geht grundsätzlich, wenn auch nicht immer, überall und jederzeit. Wir hätten es schaffen können, wenn wir den Willen über den Spaß gesetzt hätten.  Ganz ehrlich: ein paar Jahrzehnte früher hätten wir wahrscheinlich die Zähne zusammengebissen und das Ziel ehrgeizig erreicht. Aber wir müssen konstatieren: Segeln auf einem Fluss, auch noch gegen einen starken Strom, ist etwas ganz anderes als auf einem schönen, großen See, ohne nennenswerte Strömung und beliebigen Platz für jeden gewünschten Kurs. Es hat uns Riesenspaß gemacht, Langeweile kam gewiss nicht auf, aber es war enorm anstrengend.

Vielleicht einmal ein paar Sätze, wie es überhaupt zu dieser Idee kam. Vor wenigen Jahren, als Späteinsteiger und blutiger Anfänger, habe ich Vereinskollegen gefragt, warum eigentlich kaum jemand in unserem Bereich auf Weser oder Aller segelt. Die Antworten waren meistens, dass es nicht ginge, sogar von unmöglich war die Rede oder es machte einfach keinen Spaß. Nun haben wir Segelanfänger gezeigt, dass es geht und es sehr wohl Spaß macht. Und nicht nur mit Jollen, sondern auch mit einem Wanderboot, in unserem Fall einem Jollenkreuzer.

Einsame Kiesbucht bei Otersen. Es gibt alle Facetten von Ankerbuchten mit Grün, Wasserpflanzen oder schönem Sand.
Einsame Kiesbucht bei Otersen. Es gibt alle Facetten von Ankerbuchten mit Grün, Wasserpflanzen oder schönem Sand.

Gerade die Aller ist ein wunderschönes Freizeitrevier. Offiziell zwar noch Bundeswasserstraße mit Schleusen, findet allerdings seit 1968 keine Berufsschifffahrt mehr statt. In der Folge werden von der Wasserschifffahrtsverwaltung nur noch die notwendigen Unterhaltungsmaßnahmen durchgeführt. Das ist ein Segen für die Natur und Erholungssuchende. Aus dem Fluss ist eine Kulturfolgelandschaft geworden. Kleine Strände, einsame Buchten findet man in Hülle und Fülle am Fluss. Teilweise sind sie nur vom Wasser erreichbar und so findet man immer eine Bucht zum Anlegen, Sonnen und Baden. An vielen Stellen wirkt der Fluss völlig unberührt, oft genug kommt man sich vor wie in einer Dokumentation über unerforschte Nebenflüsse des Amazonas. Natur pur, man sieht viele, viele Tiere – Biber, Rehe, alles mögliche Federvier von Eisvögeln (gerade, als ich auf dem Boot sitzend diesen Beitrag schreibe, landet einer keine 10 Meter von mir), Austernfischer, Störche, Grau- und Silberreiher, verschiedenste Greifvögel, Libellen, Insekten aller Art, Fische, üppiges Pflanzen im Wasser und an Land. Und wenn man so leise fährt wie wir mit unserem Elektromotor oder unter Segel, haben die Tiere kaum einen Fluchtreflex. Traumhafte Ruhe.

Es ist daher schwer verständlich, warum die Aller so wenig touristisch erschlossen ist und auch so wenig genutzt wird. Wir haben in drei Tagen nur ein einziges weiteres Boot gesehen, und das war ein Angler auf seinem Schlauchboot. Auch sonst sehen wir auf dem Fluss erstaunlich wenig Paddler – und oft genug sind es dann Jugend-, Männer- und auch Frauengruppen, die sich Kajaks oder Kanus geliehen haben und durch die Verleiher wohlorganisiert mit Kaltgetränken und Beatboxen unterwegs sind. Ein wenig laut, aber immerhin haben sie Spaß und stören niemanden sonderlich.

Sportboote sieht man ab Juli / August nur noch wenig. Das ist kein Wunder, spätestens dann beginnt die Niedrigwasserzeit und die Eigner trauen sich nicht mehr auf den Fluss. Aus meiner Sicht sind die größeren Verdrängerboote und schnellen Gleiter für den Fluss, zumindest am Unterlauf ab der letzten Schleuse, wenig geeignet. Andere, flachgehende Boote, wären sinnvoll. Kleine Segler zum Beispiel, Cat- oder Slup-getakelt. Kajaks (schnell und wendig), Kanadier (viel Stauraum, familientauglich), Ruderboote (Klassiker mit Flair, gehen je nach Bauart auch stromauf), Tretboote (bequem, lässig, gut für Flachwasserzonen), Schlagkähne, Wriggboote, Stand-Up-Paddleboards und sonstige muskelbetriebene Wasserfahrzeuge – echter Wassersport, eben und ein Tummelplatz für Eigenbauten. Vielleicht kann man einige motivieren.

Wir sind übrigens nur mit der Rollfock gefahren. Wie bereits erwähnt ändern sich die Windverhältnisse so häufig, dass das Großsegel viel zu umständlich in der Handhabung und eher hinderlich ist. Mit der Rollfock war das deutlich einfacher.

Details und Tipps für andere Segler

Wir sind bei einem Pegelstand von ca. 60 cm, bezogen auf den Pegel Rethem, gestartet. Für die Laien: Pegelstand ist nicht gleich Wassertiefe, sondern ein Bezugsmaß. Die Wasser- oder Tauchtiefe ist im Mittel deutlich mehr, variiert aber laufend. Insbesondere, weil in der Aller, zumindest unterhalb der Schleusen, nicht mehr gebaggert wird. Es haben sich dadurch Sand- und Kiesbänke, sog. Untiefen, aufgebaut. Daneben gibt es immer eine Fahrrinne, meistens in der Mitte oder Außenkurve, aber das kann tückisch sein. So hatten wir unweit von Westen schon eine Sandbank, die bis weit an die Außenkurve nur 80 cm Tauchtiefe bot, die Fahrrinne war bestenfalls 10 m breit. Bei Wohlendorf haben die Innenkurven bis zur Flussmitte nur 60 cm Wasser. Direkt unterhalb und oberhalb der Brücke Rethem hatten wir Kiesbänke, die nur 60 cm tief sind, in den Allerschleifen hatten wir an einer Stelle bei 40 cm Bodenberührung, verfestigter Grund oder Steine. Auch unterhalb der Brücke Eilte war bei 60 cm Schluss. Daneben findet man immer eine Fahrrinne, aber dort kann die Strömung spürbar schneller als die sonst gemessenen 4,5 km/h sein. Irgendwo muss das Wasser ja durch.

Wenn man dem Fluss folgen will, empfiehlt sich für Segler ein stabiler Wind von NW mit Stärke 4, gerne mehr. Unser Jollenkreuzer Greif hat die Böen mit 6 sehr gemocht, da kamen wir schon mal auf mehr als 10 km/h über Grund. Den Blick hat man dabei immer auf dem Tiefenmesser, ohne den man in der Niedrigwasserzeit nicht fahren sollte. Alternativ kann man natürlich früher im Jahr fahren, wenn ausreichend Wasser da ist. Allerdings kommt dann viel Treibgut den Fluss herunter, das können auch schon mal wuchtige Stämme sein. Solange man sie sehen kann, geht es ja noch. Ich würde es nicht machen.

Wir haben unseren Epropulsion meistens mitlaufen lassen. Mit rund 100 Watt hat man so viel Vortrieb, dass das Boot gegen die Strömung steht. Die Windverhältnisse und die Strömungen ändern sich laufend, mitunter auf 50 m. Manchmal kann ein eben noch brauchbarer Wind augenblicklich ausfallen. Hat man dann keinen Vortrieb, gewinnt, je nach Boot, sofort die Strömung. Ganz leicht kann man quertreiben oder in die Böschung der Außenkurven gedrückt werden. Das haben wir als Anfänger alles schon erlebt. Die Strömung liegt, wie bereits erwähnt, zwischen 4 und 5 km/h, in den Außenkurven mehr, innen weniger, dafür sind dort in der Regel Sandbänke. Die Sandbänke erkennt man meistens an der leicht kräuselnden Wasseroberfläche – aber nicht bei segeltauglichem Wind, dann wird das von einer kleinen Welle überlagert.

In der Niedrigwasserzeit geht das alles nur mit einem Boot mit einem schwenkbaren oder aufholbaren Schwert. Wie es bei normalem Wasserstand mit einem Kielschwerter aussieht, kann ich nicht beurteilen. Ich halte das allerdings für keine gute Idee.

Schöner Campingplatz, sehr hilfsbereiter Betreiber am Rittergut Frankenfeld. Anlegerbuchten aber suboptimal. Vorsicht, bissige Pächter.
Schöner Campingplatz, sehr hilfsbereiter Betreiber am Rittergut Frankenfeld. Anlegerbuchten aber suboptimal. Vorsicht, bissige Dauercamper.

Wir haben auf dieser Tour viel gelernt. Nach Celle zieht es uns allerdings, zumindest auf dem Wasserweg, nicht mehr. Wir segeln im Umfeld unseres Heimathafens und ansonsten wird es ein oder zweimal im Jahr Törns auf besser erschlossenen Binnenrevieren geben. Aber schön war’s.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert